Nadenberg - Das Berliner Familien - Feriendorf

Das Berliner Familien-Feriendorf Nadenberg hat die Stadt Lindenberg bundesweit bekannt gemacht und über Jahrzehnte das Leben in Lindenberg mitbestimmt. Die eigentliche und zweckbestimmte „Geschichte“ spielt zwischen der ersten Ankunft eines Sonderzugs mit Berliner Familien am 5. Mai 1960 und dauert bis zur Ankunft des letzten Sonderzugs am  18. Dezember 1991. Die Vorgeschichte liegt in der Zeit des Kalten Krieges mit der Teilung Deutschlands, die Geschichte danach beginnt mit der Wiedervereinigung, und damit dem satzungsgemäßen Ende der Stiftung Hilfswerk Berlin. 

Ein Platz an der Sonne

Der Nadenberger Aussichtsturm (alte Ansicht oben) wurde im Jahr 1911 vom Lindenberger Verschönerungsverein
als "Siebenländerblick" errichtet: Bayern, Württemberg, Preußen (Enklave Achberg), Baden, Schweiz, Liechtenstein und Vorarlberg. Der Pferdegroßhändler Martina Huber kaufte für den Verein das Gelände. Die Baukosten wurden aus Mitteln von Hutfabrikant Aurel Reich bezahlt.
Die Stiftung Hilfswerk Berlin eröffnete hier im Jahr 1960
ihr erstes Familienferiendorf in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt. Ermöglicht wurde das Feriendorf durch die ARD-Fernseh­lotterie "Ein Platz an der Sonne". Das damalige Fernseh­motiv zeigte spielende Kinder vor dem Nadenberger Aussichtsturm (siehe Chronik im Turm).
Das Westallgäu gehört zu den sonnenreichsten Gegenden Bayerns. Im Jahr 2006 galt Lindenberg als sonnigster Ort Deutschlands. Die Bergstadt ist damit wirklich "ein Platz an der Sonne". Mit ihrer nebelfreien Höhenlage (750 - 820 m) ist sie seit 1926 Luftkurort. 

1948
Die sowjetische Wirtschaftsblockade macht Westberlin ab dem 24.Juni - 322 Tage lang - zu einer „Insel“. Die 2,2 Millionen Bewohner der drei Westsektoren Berlins (‚Westberlin‘) müssen mit Heizmaterial, Nahrungs- und Verbrauchsgütern vollständig über eine amerikanisch-britische Luftbrücke versorgt werden. Unter der Versorgungsnot leiden besonders alte Menschen und Kinder. Bereits am 17. Juli, d.h. am 23. Tag der Blockade, gründet sich deswegen in Frankfurt/ Main auf Initiative des Deutschen Städtetags das Hilfswerk Berlin. Vor allem sollen Ferienaufenthalte für Berliner Kinder im Westen organisiert werden. Während der Blockade kommen über eine Kinder-Luftbrücke mehr als 15 000 Jungen und Mädchen in Heime oder zu Gastfamilien in den Westen. In der Zeit danach verschafft das Hilfswerk unter dem Motto „Ein Platz an der Sonne“ Berliner Kindern über 400.000 Ferienfreiplätze in Westdeutschland.



   „Rosinenbomber“ der Luftbrücke

Zeitgeschichte: 1. Berlin-Krise.  Auslöser der Berlinblockade (24. Juni  48 – 12. Mai  49) war die Währungsreform  mit Einführung der D-Mark  in den drei Westzonen am 20. Juni 1948 und die Ankündigung der Westallierten am 23. Juni, die D-Mark auch in den Westsektoren Berlins einzuführen. Die Westmächte reagierten auf die Blockade mit der Luftbrücke (26. Juni  48  –  Sept  49). Die Sowjetunion verstärkte während der Blockade ihre Bemühungen zur Teilung Berlins; die Westmächte wurden durch die Luftbrücke in den Augen der Bevölkerung von Besatzungsmächten zu Schutzmächten.  Im Schatten der Ereignisse wird am  4. April 1949 in Washington die NATO gegründet. Am 23. Mai wird das Grundgesetz der Bundesrepublik (mit alliiertem Vorbehalt für Berlin) verkündet

1955
Im März erfolgt die Umwandlung der Organisation des Hilfswerks Berlin in eine Stiftung des privaten Rechts. Vizepräsident wird der Frankfurter Sozialstadtrat und Mitbegründer des Hilfswerks, Dr.jur. Rudolph Prestel. Er betritt Neuland mit seiner Idee der „Familienferien“ und wird so zum Initiator der Familien-Feriendörfer, wo sich Westberliner Kinder zusammen mit ihrer Familie drei Wochen lang (schulbefreit) erholen können. Zur finanziellen Unterstützung der Stiftung entwickelt der Pressereferent der Stiftung, der Journalist Jochen Richert, die Modalitäten zur ersten deutschen Fernsehlotterie „Mit 5 Mark sind Sie dabei“ (ARD-Premiere am 24. April 1956). Als Vater des Ganzen wirkt er bis zu seinem Ruhestand 1978 für die Deutsche Fernsehlotterie gemeinnützige GmbH, die 1960 gegründet wurde. Das Ziel der Hilfe ist „Ein Platz an der Sonne“ für Berliner Kinder.

?Dr. Rudolph Prestel mit Jochen Richert 

Jochen Richert mit Berliner Kindern

 

1958
In einem Standortwettbewerb erhielt die Stadt Lindenberg bei über 20 Mitbewerbern den Zuschlag für das erste Familienferiendorf. Es soll im „aussichtsreichsten“ Teil Lindenbergs entstehen, auf dem Nadenberg. Nach Planungs- und Entwurfsvorarbeiten von Stadtbaurat Walter Kaiser und  Architekt Ernst Pfeiffer stimmt der Stadtrat unter Bürgermeister Fritz Fugmann am 14. Mai 1958 dem Bauvorhaben einstimmig zu. Am 19. September 1958 –im Jahr des zehnjährigen Bestehens des Hilfswerks– erfolgt die Grundsteinlegung mit viel Polit-Prominenz durch den bayerischen Minister-präsidenten Dr. Hanns Seidel. 
(siehe Anhang: Stadtbaurat Walter Kaiser, „Zur Baugeschichte des Familienferiendorfs“)

 

Ministerpräsident Dr. Hanns Seidel bei der Grundsteinlegung,

Bürgermeister Fritz Fugmann bei der Festansprache

 

1960
Am 5. Mai treffen die ersten 25 Berliner Familien mit Sonderzug im Bahnhof Röthenbach ein. Jede Familie konnte dabei ein eigenes Zugabteil belegen, denn als Teil des geplanten Familienkonzepts sollte bereits die kostenlose Anreise ein gemeinsames Ferienerlebnis sein. 

Dorfleiter Gerd Fey holt die ersten Berliner Familien am Bahnhof in Röthenbach ab,  die Kinder schnuppern Landluft und bringen Leben ins Dorf.

Am 15. Mai erfolgt die festliche Einweihung des jetzt schon belebten Feriendorfs in Anwesenheit des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt. 

Festliche Einweihung am 15. Mai 1960    in Anwesenheit von Willy Brandt mit Familie

 

Mauerbau ab 13. August 1961:  
Berlin wird für 28 Jahre eine geteilte Stadt.

 

Zeitgeschichte: 2. Berlin-Krise. Auf der Pariser Gipfelkonferenz  vom 16. – 18. Mai 1960 sollte endgültig über Berlin und Deutschland entschieden werden. Chruschtschow lässt die Konferenz  wegen des U2 Zwischenfalls scheitern. Erst am 3./4. Juni 1961 gibt es ein weiteres Treffen in Wien, jetzt zwischen Chruschtschow und dem neuen amerikanischen Präsidenten  
J.F. Kennedy. Dabei hält die Sowjetunion an ihrer Forderung nach dem Status Berlins als „Freier Stadt“ und DDR-kontrollierten  Verbindungswegen fest. Als die Westmächte in ihrer Ablehnung auch mit dem Einsatz militärischer Mittel drohen, entscheidet sich Chruschtschow für den Bau der Mauer, um kurzfristig die Massen-flucht aus der DDR über diese „offene Grenze“ zu stoppen.

 

1962
Bundespräsident Dr. Heinrich Lübke mit Frau Wilhelmine besucht am 17. Juni, am Tag der deutschen Einheit, das Feriendorf. Nicht nur bei den politischen Repräsentanten findet das „Berliner Dorf“ großes Interesse, auch Presse, Funk und Fernsehen berichten bundesweit über das neuartige familienpolitische Ferienkonzept in Lindenberg. 

 

Bundespräsident Dr. h.c. Heinrich Lübke mit Frau Wilhelmine
zusammen mit dem
Frankfurter Oberbürgermeister Dr. h.c. Werner Bockelmann, Präsident des Hilfswerks Berlin


1963
Bei der Eröffnung 1960 bestand das Feriendorf aus 74 Häusern, 1963 kommen 34 weitere hinzu. Jährlich können etwa 1400 Familien mit rund 5200 Personen aufgenommen werden. 

 

Luftbild des Feriendorfs (Ausschnitt)  
Familienidyll im Feriendorf

 

1980
Nach 20 Jahren kann man mit Stolz zurückblicken:
Über 25 000 Familien aus Berlin konnten hier in drei Wochen Ferien den „Weg zu den einfachen Werten des Lebens“ (Dr. Rudolph Prestel) finden. Gemessen an den Übernachtungszahlen war jeder zweite Urlaubsgast in Lindenberg ein Berliner. Das Leben des Familienferiendorfs war voll in das Stadtleben integriert. Mehrere Lindenberger Gruppen praktizierten mit Gegenbesuchen in Berlin eine inoffizielle, aber lebendige Städtepartnerschaft. 

Für das Lindenberger Kinderfest kreiert man im Feriendorf den „größten Hut der Welt“.

 

 

Zwei der wesentlichen Personen, die von Anfang an dabei waren:
Dorfleiter Gerhard Fey mit Walter Kaiser, hier als TVL-Vorstand, beim Faschingsball im Feriendorf.


1987
Das Dorfleiterehepaar Hanna und Gerhard Fey geht in Ruhestand. Beide waren von Anbeginn dabei und haben das besondere Familienferienkonzept vor Ort entwickelt und mitgelebt.  
(siehe Anhang: Gerhard Fey, „27 Jahre Leben im Familienferiendorf“)
Nachfolger als „Dorfschulze“ wird Joe Peinze, der bei rückläufigen Urlauberzahlen jetzt neue Wege beschreiten muss. Dazu gehört unter anderem eine zwei Millionen teure Sanierung des Feriendorfs.  


1991
Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endet laut Satzung die Stiftung Hilfswerk Berlin. Ohne finanzielle Unterstützung durch Mittel der Fernsehlotterie entfällt auch die kostenlose Anreise. Der letzte Sonderzug erreicht das Westallgäu am 18. Dezember 1991.
Die Betriebsgesellschaft „Familienferiendorf- Nadenberg GmbH“, mit Sitz in Frankfurt/M, die 1959 von der Stiftung Hilfswerk Berlin gegründet wurde, um das Feriendorf in Lindenberg, und später auch die beiden anderen Feriendörfer der Stiftung in Grafenau (Bayerischer Wald, 1964) und in Eisenärzt (Chiemgau, 1965) zu betreiben, muss jetzt versuchen „auf dem freien Markt“ kostendeckend zu arbeiten. Dies gelingt nur schwer. Vor allem der steuerliche Entzug der Gemeinnützigkeit stellt die Betriebsgesellschaft ab 1999 vor ernste Probleme. Ab 2005 muss eine Schließung oder ein Verkauf in Erwägung gezogen werden.  
2006
Als Bayernpark Lindenberg kommt das Feriendorf zur niederländischen Roompot-Gruppe.

 

  zusammengestellt von Dr. Georg Grübel und  Werner  Budzinski (Bilder)