Hausnummern in Lindenberg

Hausnummern dienen zuallererst amtlichen Zwecken (Post, Gemeindebehörden, etc.). Aber auch Privatpersonen können leichter bestimmte Häuser ausfindig machen. Hausnummern sind aber zum zweiten für die Heimatforschung nützlich, beispielsweise, wenn jemand gerne wissen möchte, wo seine Vorfahren früher gewohnt haben. Auch zur Bau- und Siedlungsgeschichte eines Ortes erhält man oft interessante Hinweise.


Für alle diese Zwecke wäre es am einfachsten, wenn man für ein bestimmtes Gebäudes für alle Zeiten dieselbe Hausnummern beibehalten würde. Das ist jedoch nirgends der Fall. Der Grund ist, dass man aus praktischen Gründen bestrebt ist, die Häuser so zu nummerieren, dass man sie schnell findet. Das verlangt eine möglichst große räumliche Kontinuität. Eine solche gerät jedoch durcheinander, sobald zwischen die bestehenden Häuser neue gebaut werden oder alte durch Abriss oder Brand verschwinden. Um die Übersichtlichkeit wieder zurück zu gewinnen, werden deshalb die Hausnummern von Zeit zu Zeit neu vergeben.  
Lindenberg dürfte der Ort im Westallgäu sein, dessen Hausnummern am häufigsten geändert wurden. Das hat gute Gründe. Kein Ort im Westallgäu ist so stark gewachsen. Heute hat Lindenberg 11 300 Einwohner. Das sind 15-mal mehr als die 787 Personen im Jahre 1770, als Pfarrer Wettach das erste, bis heute bekannte Hausnummernsystem aufgestellt hat. Seitdem wurde das System nicht weniger als 5-mal grundlegend geändert.,


1. Hausnummern vom 15. April 1770

Lindenberger Heimatforscher dürfen sich glücklich schätzen, dass der neue und junge Pfarrer Wettach – er hatte am 1. Juli 1769 sein Amt angetreten – schnell und gewissenhaft der Aufforderung seiner vorgesetzten Behörden zur Aufstellung eines „Seelenbeschriebs“ nachkam. Die Pfarrer vieler anderer Orte waren langsamer oder hintertrieben bewusst die Aufstellung einer solchen genauen Familien- und Häuserliste. Man soll u.a. befürchtet haben, dass diese auch der Erhebung von Steuern oder der Aushebung von Soldaten dienen konnten. In Weiler beispielsweise, der damals mit Abstand größten Pfarrei des Westallgäus, wurde der erste „Seelenbeschrieb“ erst etwa 20 Jahre später als in Lindenberg aufgestellt.
Pfarrer Wettach stellte sein erstes Hausnummernsystem zu Ostern 1770 auf. Das war der 15. April 1770. Er begann seine Liste mit den 53 Häusern von Lindenberg-Oberdorf. Die Hausnummer 1 erhielt das Haus, das damals am weitesten im Süden lag. Es gehörte einer Witwe Ursula Brutscher, geborene Brinz. Es ist das heutige Haus Hirschbergstraße 12 (Haus Stoller).
Die 29 Häuser von Lindenberg-Unterdorf hat Pfarrer Wettach ebenfalls von Süden nach Norden durchnummeriert. Die Nummerierung beginnt mit der Kronenwirtschaft, die damals Franz Anton Spieler gehörte. Sie erhielt die Nummer 53.
Aus anhängender Tabelle (Quelle: „Seelenbeschrieb“(Familien-und Häuserliste) von Pfarrer Wettach, Pfarrarchiv Lindenberg, Kopie im Stadtarchiv Lindenberg) ist ersichtlich, dass in den 151 Häusern der Pfarrei Lindenberg 787 Personen wohnten. Das sind 5,2 Personen je Haus.

 

2. Hausnummern von 1774

Kaum hatte Pfarrer Wettach seine ersten Hausnummern festgelegt, wurde die Kontinuität der Nummern durch die „Vereinödung“ von 1771 erheblich durcheinander gebracht. Bei der damaligen Flurbereinigung wurden allein im damaligen Dorf Lindenberg (d.h. ohne die Filialorte wie Goßholz usw.) 35 von 58 Bauernanwesen „hinausgebaut“. Das waren etwa 
60 %. Verständlich, dass Pfarrer Wettach die Lindenberger Hausnummern dann 1774 nochmals grundlegend änderte.

3.    Hausnummern von 1780
4.    Hausnummern von 1787
5.    Hausnummern von 1840

Das letzte Lindenberger Hausnummernsystem vor Einführung der Straßennamen wurde unter Pfarrer Hauber kurz vor seinem Tod festgelegt. Es wurde ab dem 1.1.1840 eingeführt.  
Zum gleichen Stichtag wurden fortan die verstorbenen weiblichen Ehegatten unter dem Familiennamen ihres Mannes registriert. Vorher behielten sie in den Kirchenbüchern ihren eigenen Familien-Geburtsnamen.
Die neuen Nummern blieben so 71 Jahre lang, bis zur Einführung der Straßennamen im Jahre 1911. So lange blieben die Nummern der am 1.1.1840 bestehenden Häuser dieselben. Nach diesem Datum gebaute Häuser bekamen eine Bruchteilnummer. Dabei war die Hauptnummer die Nummer jenes Hauses, zu dem am 1.1.1840 der Grund des neu erbauten Hauses gehörte. Beispielsweise hatte der Gasthof „Zum Hirschen“ ab 1840 die Nummer Lindenberg 20.
Das Hausnummernsystem in Lindenberg wurde im Laufe der Jahre wegen der vielen Neubauten vollkommen unübersichtlich. 
Da es seinerzeit bei der Flurbereinigung von 1771 den Wirten und ihrer Kundschaft entgegen kam, dass die Wirtschaften an Ort und Stelle blieben, gehörten viele der zentral gelegenen Felder zu Wirtschaften. 1911 waren die drei Hauptnummern mit den meisten Bruchteilsnummern folgende: 


Nr. 38 „Löwen“. Höchste Bruchteilnummer 38 1/30. 1911: Evangelisches Bethaus, Rathausstraße 12
Nr. 43 „Rössle“. Höchste Bruchteilnummer 43 1/23. 1911: Hutter, Josef, Bismarckstr. 2
Nr. 48 „Sonne“. Höchste Bruchteilnummer 48 1/27. 1911: Fingerle, Johann, Sonnenstr. 18

Allein auf den Grundstücken dieser drei Traditionswirtschaften wurden demnach von 1840 bis 1911 nicht weniger als 87 neue Häuser errichtet.
Straßennamen seit dem 1. September 1911
Die Straßennamen-Hausnummern galten ab 1. September 1911.

Von den Hausnummern unabhängig sind die Katasternummern der Grundstücke. Sie wurden ca.1821 festgelegt. Sie gelten seitdem. Werden neue Grundstücke aus einem Grundstück heraus gemessen, werden die neuen Nummern gebildet, indem man der ursprünglichen Nummer des Grundstückes nach einem Schrägstrich eine Ziffer hinzufügt. 

 

Quellen:
Originale der Familienbeschriebe (Familienlisten) bis 1876 im Kath. Pfarrarchiv Lindenberg sowie drei originale Familienbeschriebe im Stadtarchiv Lindenberg.
Ablichtungen der meisten Familienbeschriebe im Archiv des Bistums, Augsburg.
Ablichtungen der meisten Familienbeschriebe des Pfarrarchivs auch im Stadtarchiv Lindenberg.
Häuser- und Straßenakten im Stadtarchiv Lindenberg sind nach den Hausnummern von 1937 geordnet.