Stadtgeschichten

Lindenberg kann eine bemerkenswerte Entwicklung vorweisen. Ursprünglich ein kleines, unbedeutendes Dörflein, später Markterhebung, schließlich Stadt und heute wirtschaftliches Zentrum des Westallgäus.
Wer mit wachen Augen durch die Stadt geht, kann diesen Werdegang nachvollziehen. Zeitzeugen aus Holz und Stein, Denkmale und viele bauliche Details geben Aufschluss über die Vergangenheit.
Der Verein will dieses kulturelle Erbe in Wert setzen, den Erhalt fördern, das Bewusstsein in der Bevölkerung schärfen. 

Ein stadtgeschichtlicher Rundgang war ein Projekt des Geschichts- und Museumsvereins. An knapp zwei Dutzend Stellen in der Stadt weisen Erinnerungstafeln auf geschichtliche Themen hin, die für das Leben und die Entwicklung Lindenbergs maßgeblich waren.

Die Stadtpfarrkirche, Dom des Westallgäus, findet sich dort genauso wie die Lazarettstadt, Pferdehandel, s'Bähnle, s'Kappele oder die Geldstadt. 

Begonnen hat das Projekt mit einer „Geschichtsinstallation“ im Aussichtsturm auf dem Nadenberg zum 50. Jahrestag des ersten Familien-Feriendorfs der Stiftung Hilfswerk Berlin am 15.05.2010.

Für Inhalt und Gestaltung zeichneten sich vor allem Dr. Georg Grübel und Werner Budzinski, gestorben am 13.05.2015, verantwortlich.

Für diesen stadtgeschichtlichen Rundgang muss das Haus nicht unbedingt verlassen werden. Sie haben hier die Möglichkeit online in die Geschichte Lindenbergs einzutauchen. 

„Stadler, Rädler & Co., Käsehändler von Lindenberg in Ulm“

Der Amtsarzt Dr. Friedrich Kollmann des Landgerichtsbezirks Weiler schreibt 1860 in einem amtlichen Bericht: „Der Bezirk Weiler gehört zu den wohlhabendsten im ganzen Kreise. Der Holzreichtum, die Üppigkeit der Vegetation, die Züchtung eines weltberühmten Viehschlags, die Erzeugung von trefflicher Butter und vorzüglichem Käse sind Quellen des Wohlstandes. Durch Vieh- und Holzhandel, noch mehr durch Käsehandel ist mancher in kurzer Zeit zum Kapitalisten geworden. …“ Dr. Kollmann schrieb dies etwa 80 Jahre nach der Zeit, als hier der unternehmerische Käsehandel begann.

Der Gerichtsbezirk Weiler des neuen Königreichs Bayern wurde im November 1806 geschaffen. Dazu gehörte auch das Gebiet der ehemaligen vorarlbergischen Gerichte Altenburg und Kellhöf, und damit auch die Orte der Pfarrei Lindenberg. In Goßholz, einem dieser Orte, reicht die Geschichte des Käsehandels bis ins 18. Jahrhundert zurück. Hier stand die Wiege derjenigen, die den ersten schriftlich nachweisbaren, organisierten Käsefernhandel aus dem Allgäu gegründet haben. Im Stadtarchiv Lindenberg findet sich dazu ein handgeschriebener Speditionsfrachtbrief vom 22. November 1781 betreffend 7 Fass Käse signiert mit ARC
(Anton Rädler & Co) zur Weiterleitung an Frantz Xavery Stadler et Compagnie in Ulm.  
Franz Xaver Stadler und Anton Rädler, geboren und mit ihren Familien wohnhaft in Goßholz, waren beide Schwiegersöhne von Franz Anton Leber aus Lindenberg, einem vormaligen Teilhaber der ersten, 1755 schriftlich erwähnten Lindenberger Hutcompagnie. Franz Xaver Stadler betrieb das Handelsgeschäft in Ulm, während sein Compagnon Anton Rädler im Spätherbst von Goßholz aus den Käseeinkauf auf den Staufner Alpen betrieb. Von Staufen (heute: Oberstaufen) wurden die Käse fassweise nach Isny und von dort nach Lautrach an der Iller zum Weitertransport per Floß nach Ulm verfrachtet. Von Ulm aus stand dann der Schiffsweg Donau abwärts bis Passau und Wien offen. Auch waren das Hinterland von Ulm als Absatzgebiet, und die dort verlaufende Handelsstraße nach Nürnberg und zum Bodensee für den Handel günstig.  
In einem Ulmer Stadtführer (Adressbuch) aus dem Jahr 1812 erscheint der Eintrag
< Stadler, Rädler & Co., Käsehändler von Lindenberg in Ulm >.  Dass die Firma offensichtlich gute Geschäfte machte, zeigt sich darin, dass sie dort in Person von Philipp Stadler im Jahr 1818 das ehemalige Münzhaus der Stadt als Hauptniederlassung erworben hat. Das alte Münzhaus war ein repräsentativer dreistöckiger gotischer Flügelbau am Marktplatz, der schon ab 1505 den beiden Patriziern Anton Welser in Augsburg und Conrad Vöhlin in Memmingen als Repräsentanz für ihre Leinwandgesellschaft gedient hatte.  

Unter Philipp Peter Stadler, dem älteren Sohn von F.X. Stadler, geboren 1771 in Goßholz und verheiratet mit Anna Maria Wiedemann aus Goßholz, entwickelt sich die Firma bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus zur einflussreichsten Käsegroßhandlung im Allgäu. Wesentlichen Anteil daran hatte Auch sein jüngerer Bruder Josef Aurel Stadler, ebenfalls geboren in Goßholz, sesshaft in Staufen.  
Josef Aurel Stadler betrieb in Staufen bereits eine gutgehende Tuchhandlung und große Krämerei,  bevor er den Alpkäse-Einkauf für die Firma in Ulm übernahm. Er gilt als einer der Käse-Pioniere des Allgäus, weil er mehrere Sennen aus der Schweiz ins Allgäu gebracht hat, dabei insbesondere Johann Althaus aus  dem Berner Emmental. Die Schweizer Sennen sollten hier mit ihrer Erfahrung die Einführung der vergleichs-weise hochentwickelten Schweizer Fertigungstechnologie für Hart-Rundkäse („Emmentaler“) unterstützen.  Dies geschah einige Jahre bevor Carl Hirnbein die Brüder Grosjean aus Belgien ins Allgäu holte, um hier die Qualität und Herstellung von Weichkäse („Limburger“) zu verbessern.
Der geschichtsbewusste Milchwirtschaftliche Verein im Allgäu in Kempten ließ 1948 in Weiler eine Gedenktafel für J. Aurel Stadler anbringen: „In diesem Hause ließ Joseph Aurel Stadler (1778 – 1837) im Jahre 1821 die ersten Allgäuer Schweizer-Käse machen“. In Oberstaufen wurde 2007 unter dem Motto „180 Jahre Emmentaler im Allgäu“ dem gedacht, dass J. Aurel Stadler im Jahr 1827 den Emmentaler Senn Johann Althaus über Staufen ins Allgäu gebracht hat. Aus diesem Anlass wurde auch das Grabdenkmal von Aurel Stadler an der Außenwand der Friedhofskapelle aufwendig restauriert.  
Die Emmentaler-Käserei hat den epochalen Umbruch hin zum „grünen“ Allgäu mit seiner landschaftsprägenden Milchwirtschaft wesentlich mitbestimmt.  
Quelle: Carl Wachter in Geschichte der Allgäuer Milchwirtschaft, Kempten 1955
und Stadtarchive Lindenberg und Ulm 

Heimatkunde

In Lindenberg wurde im Frühjahr 1926 auf Initiative von Leonhard Kleinle ein „Arbeitsausschuß für die Lindenberger Heimatkunde“ gebildet. Vorstand war Bürgermeister Dr. Meier, Schriftführer Martin Koelbl. Mitarbeiter waren neben Leonhard Kleinle die Herren Geistlicher Rat Joh. Ev. Egger, Josef Reich, Michael Ohmayer, J. Adolf Schwarz und Oskar König. Dieser Arbeitsausschuss war dann Herausgeber der „Lindenberger Heimatkunde“, die seit Dezember 1925 als  Beilage im Lindenberger Tagblatt erschien. Die Kopfleiste dazu wurde von Kunstmaler Otto Keck gestaltet.

Die „Lindenberger Heimatkunde“ erschien in derselben Form bis zum März 1934, allerdings ab Mitte 1933 als Beilage des Westallgäuer Tagblatts. Dies war eine Folge der erzwungenen Fusion des Lindenberger Tagblatts (Verlag Jacobi in Lindenberg) mit dem Westallgäuer Tagblatt (Verlag Holzer in Weiler). Die „Lindenberger Heimatkunde“ ging ab April 1934 in der Beilage „Westallgäuer Heimatblätter“ auf, die seit 1921 bis heute im Verlag Holzer erscheint.

(Quelle: HANS STIEFENHOFER: Lindenberger Heimatkunde, Aus Vergangenen Tagen, Band1, S. 12/13)

Die „Lindenberger Heimatkunde“ ist im Stadtarchiv Lindenberg einsehbar:

 

Stadtarchiv: Brennterwinkel 4, Stadtarchiv(at)lindenberg(punkt)de

Ihre Ansprechpartnerin: Frau Britta De Jans
 

Dankenswerterweise haben Franziska Möschel und Marlies Braun die Inhaltsverzeichnisse der „Lindenberger Heimatkunde“ als ‘Findbuch‘ in eine rechnerlesbare Form gebracht:

Inhaltsverzeichnis zum Download (PDF)

Zeitzeugen im Gespräch

In den letzten Jahren haben Marieluise Wiedemann und Norbert Mayer etliche Lindenberger interviewt, die über ihre Kindheit, ihre Jugend und ihren Lebensweg in dieser Stadt erzählten.
Ursprünglich waren diese Interviews für den Lindenberger Jubiläumsfilm "Lenes Tagebuch" gedacht, was aber dann doch den zeitlichen Rahmen gesprengt hätte.
Stattdessen wollen wir die gut 30 Lindenberger und Lindenbergerinnen an dieser Stelle zu Wort kommen lassen.

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http://www.lindenberg100.de