Ich selbst kam am 29. Januar 1932 zur Welt. Für mich war es folglich am 30. Januar 1941 besonders einfach die besondere Aufgabe dieses Tages zu beantworten. Der 30. Januar war der „Tag der Machtergreifung“. An diesem Tag hatte 1933 Reichspräsident Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannt. Das war in der Tat der Beginn der Hitler-Diktatur. Alle Schüler mussten an diesem Tag nacheinander zum Lehrerpult vortreten. Es stand auf einem etwa 30 cm hohen Podest zwischen der Schultafel und den Schulbänken. Der Lehrer Johann Schmid saß dort wie auf einer Art Thron. Er schaute im Klassenverzeichnis nach, an welchem Tag genau man geboren war. Dann musste jeder ausrechnen, wie alt er am 30. Januar 1933 war. Für mich war die Berechnung am einfachsten: 1 Jahr und 1 Tag.
Meine Einschulung war im Frühjahr 1938. Noch war Frieden. Am ersten Schultag nahm ein Fotograph von jedem ein Foto auf. Das Foto habe ich noch. Es zeigt mich mit frisch geschnittener Frisur (beim Dornberger, der auch der Friseur meines Vaters war), meinem neuen Schulranzen und einem neuen Bleyle-Anzug. Obwohl mein Vater sparsam war, hat er sich an diesem Tag nicht lumpen lassen. Er war wohl stolz darauf, dass nunmehr zum ersten Mal eines seiner Kinder
in die Schule kam. Nicht alle Eltern konnten ihre Schulanfänger so gut ausstaffieren wie meine Eltern. Der Klassenzusammenhalt wurde dadurch nach meiner Erinnerung jedoch nicht gestört.
Wir Kinder hatten alle miteinander, ob die Eltern reich oder arm waren, ein gutes Verhältnis. Das war auch erwünscht. Es entsprach
der damaligen national-sozialistischen Staatsidee. (Dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl aller Deutschen bei der Führung des – ungerechten – Krieges missbraucht wurde, steht auf einem anderen Blatt.)
Die Klassenaufnahme unseres ersten Schuljahres muss später, während des Sommers 1938, aufgenommen worden sein. Ich hatte damals, wie fast alle, eine Lederhose an. Unser damaliger Klassenlehrer der ersten Klasse war Herr Mehlhart. Er war ein Kemptener. Das weiß ich, weil sein Bruder ein Klassenkamerad meines Vaters an der Realschule in Kempten war. Vielleicht war es diese Bekanntschaft meines Vaters mit dem Klassenlehrer, warum er mich unter den mehreren guten Schülern als den Klassenbesten einstufte. Ich bekam von ihm an Ostern 1939 die größte Leckerei, ein Zucker-Osterei.
Mit meiner Eigenschaft des Klassenbesten war es jedoch wenige Tage nach Beginn des 2. Schuljahres vorbei. Vom 9. April 1939 bis zum Mitte September war ich nicht mehr in der Schule. Am 9.April geschah es: Ich machte mit dem Helmut Schütz eine Wettlauf über die Straße vor der Schule. Wir konzentrierten uns beide nur auf unseren Wettlauf. Ein Motorrad, das die Bergstraße herunterkam, hörten wir nicht. Ich war beim Laufen vorn. Mich hat das Motorrad erwischt. Ich hatte einen Schädelbruch mit Gehirnblutungen. 14 Stunden war ich bewusstlos. Meinem Vater sagte der Arzt damals, das Beste wäre, wenn ich sterben würde; sollte ich überleben, sei damit zu rechnen, dass ich nicht mehr normal werde. Ich habe überlebt. Die ersten vier Wochen hatte ich strenge Bettruhe mit einem Eisbeutel auf dem Kopf. Hin und wieder besuchte mich ein Klassenkamerad. Ab Anfang Juni blieb ich dann bei meiner Tante Agathe und meinem Onkel Anton auf der Alpe Oberhornbach am Hochgrat. Die beiden waren dort Alphirten.
Dort überraschte mich am 1.September 1939 der Kriegsbeginn. „Jetzt hat er so viel Gutes getan, aber diesen Krieg hätte der Hitler nicht anfangen sollen!“ Ich kann mich noch gut daran erinnern, was meine Tante damals sagte. Sie, Jahrgang 1896, hatte Erfahrung. Es war erst gut 20 Jahre her, dass viele Lindenberger ihres Alters blutjung im
1.Weltkrieg ums Leben kamen.
Auch die etwa 10 jungen Soldaten, die sich zu Kriegsbeginn gerade zum Holzeinschlagen auf der Alpe aufhielten, waren alles andere als begeistert, dass sie nun in den Krieg ziehen mussten.
Zu Kriegsbeginn wurden die Personenzüge eine Zeit lang eingestellt. Deswegen kam mein Vater um den 10. September herum zu Fuß von Lindenberg auf die Alpe am Hochgrat. Am nächsten Tag, einem schönen Sonntag, ging’s dann mit ihm wiederum zu Fuß nach Lindenberg. Um 5 Uhr nachmittags kamen wir beide wohlbehalten an. Es waren an die 30 Kilometer; ich war sieben Jahre alt. Von meinem Unfall im April merkte ich nichts mehr.
Kurz nach Schulbeginn wurde unsere Klasse geteilt. Weil zu viele Lehrer eingezogen worden waren, hatte man nicht mehr genügend Lehrer. Die Besseren unserer Klasse kamen zu den Mädchen, die anderen blieben in der Knabenklasse. Die Teilung dauerte das ganze zweite Schuljahr. Ich kam zur Mädchenklasse. Unsere Lehrerin war das Fräulein Wagner (Maria Wagner). Sie war eine Lehrerstochter. Sie hatte bereits 1899 das Staatsexamen gemacht, war demnach, als sie unsere Klasse 1939/40 unterrichtete, schon 40 Jahre im Dienst. Über 30 Jahre lang war sie, bevor sie 1930 an die Volksschule Lindenberg kam, an Ein-Lehrerschulen in Kornau, Auers und Haslach tätig gewesen. Von Statur klein, war sie in meiner Erinnerung eine gute und erfahrene Lehrerin gewesen. Für sie war unsere 50-Kinder-Klasse kein Problem. Sie starb 1961 hoch geachtet in Lindenberg.
Auch der Lehrer meines dritten Schuljahres war ein erfahrener Erzieher: Johann Schmid. Er war zuletzt Lehrer in Röthenbach
gewesen. Geboren 1873, war er 1940/41 eigentlich schon im Ruhestand gewesen. Es wurden damals jedoch die pensionierten Lehrer aufgefordert, wieder an die Schule zurückzukehren, damit man junge Lehrer zum Militärdienst einziehen konnte. Nachdem er ein Jahr lang unsere Klasse unterrichtete, hat sich Johann Schmid wieder pensionieren lassen. Sein Sohn Siegfried wurde in den 50-er Jahren Konrektor in Lindenberg.
Es war während des 3. Schuljahres, dass von einem Tag zum anderen das Schulgebet, das zum Beginn des Unterrichts gesprochen wurde, durch Vorlesen eines nationalsozialistischen Leitwortes abgelöst wurde. Mich hat diese Änderung nicht besonders beeindruckt. Unser Klassenlehrer Johann Schmid war kein Nazi. Ich nehme an, dass er unter den „nationalsozialistischen Leitworten“ solche wählte, die harmlos waren.
Das Schuljahr 1940/41 dauerte ein Vierteljahr länger als die anderen Schuljahre. Die neuen Klassen begannen nämlich von nun an statt im Frühjahr nach den großen Sommerferien. Als ich hörte, dass drei Klassenkameraden das ausnutzen wollten, indem sie bereits nach dem 3. Schuljahr auf die Realschule (das heutige Gymnasium) überwechselten, packte mich der Ehrgeiz. Ich bat meinen Vater, auch mich zur Aufnahmeprüfung anzumelden. Er lehnte zunächst ab. Als ich jedoch einen Nachmittag lang flennte, redete er am nächsten Tag mit unserem Lehrer Schmid. Die Aufnahmeprüfung habe ich bestanden. Wir waren vier Jungen, die damals vorzeitig auf die Realschule wechselten: Edi Hörburger, Ulli Neumeier, Horst Weinstock und ich. Von den 46 Schülern, die 1941 in die Realschule eingeschult wurden, machten 1949 nur neun das Abitur.1 Interessanterweise waren wir vier, die wir vorzeitig überwechselten, alle dabei.
Während der vierten Klasse war die Klassenlehrerin das „Fräulein Wagner“. Einen Teil der Schüler hatte sie schon in der zweiten Klasse. Im fünften Schuljahr und sechsten Schuljahr war die Klassenlehrerin „Fräulein Kalb“, im siebten und achten Schuljahr hatte die Klasse den späteren Schulleiter Bruno Schäffler.
Unter Fräulein Kalb gab es einmal einen „Klassenhosenspanner“. Alle mussten sich über die Bank beugen und bekamen den Hintern mit einem Stecken versohlt. Fräulein Kalb soll Blasen an den Fingern bekommen haben. Es gab Schulkameraden, die gar nicht wussten, warum sie versohlt wurden.
Nach der vierten Klasse gingen weitere Schulkameraden (Hans Birzer, Hans Gündele, Eugen Sporer) auf die Oberschule (Realschule).
Ab der fünften Klasse, d.h. ab Herbst 1942, war zweimal in der Woche an Nachmittag Apell zum „Deutschen Jungvolk“, der Vorstufe der „Hitler-Jugend“. Im Herbst 1942, als wir zum Jungvolk kamen, war dies obligatorisch. Einer von uns, Albert Maier, den der Vater nicht gehen lassen wollte, wurde einige Male von der Polizei zum Apell gebracht.
Das Jungvolk war nach Jahrgängen organisiert. Deshalb traf ich zweimal in der Woche eine ganze Reihe meiner Schulkameraden aus der Volksschule wieder. Es waren die aus der Oberstadt. Sie gehörten zu einem „Zug“ des „Fähnleins 8“. Die aus der Unterstadt traf ich seltener, weil sie zum „Fähnlein 9“ gehörten. Wir lernten in Fähnlein anzutreten, in Kolonnen zu marschieren und dabei zu singen. Als unser Stammführer Dr. Wunderlich, der sonst mein Lehrer in der Oberschule war, uns einmal unanständige Sachen singen hörte, gab es ein Donnerwetter. Das Unanständige geschah immer beim Singen des Liedes „Wir lagern vor Madagaskar“. Da heißt es an einer Stelle:
„Und sein kleines Maderl sehnt er sich her, das zu Haus so heiß er geküsst…“ und dann schrieen ein paar von uns laut „Ja auf den Bauch!“
Mein erster Fähnleinführer war Franz Miller. Er war der ältere Bruder meines besten Freundes Erwin Miller. Ich kannte ihn gut, weil er bei meiner Großmutter während der Heuernte als sog. Erntehelfer arbeitete. Er wollte mich fördern. Ich musste damals am Sonntag-Vormittag zu Schulung von kommenden Jungvolkführern antreten. Meistens hielt dort der erwähnte „Stammführer“, mein Oberschullehrer Paul Wunderlich lange Reden über die Vorzüge des Führerstaates, über den gerechten Krieg, der gerade stattfand, über unser Recht auf die Kornkammer der Ukraine, und Ähnliches, von dem ich später viel als falsch erkannte.. Nach einigen Sonntagvormittagen musste ich dann einmal vortreten, und die angetretene „Truppe“ kommandieren. Schüchtern wie ich damals war, fiel mein Kommandoton nicht schneidig genug aus. Darauf wurde ich nie mehr zu den sonntäglichen Schulungsvormittagen gebeten und auch nie mehr „befördert“ (z.B. zum „Jungenschaftsführer“). Ich blieb einfaches Jungvolkmitglied bis zum Kriegsende. Franz Miller, mein erster Fähnleinsführer, Jahrgang 1927, ist im April 1945 in Sachsen, mitten in Deutschland, gefallen.
Deutliche Auswirkungen des Krieges zeigten sich ab Januar/Februar 1945. Zuerst dauerten die Weihnachtsferien für die Volks- und für die Oberschule vom 12. Dezember 1944 bis Ende Januar 1945, um Heizmaterial zu sparen. Vor die Volkschule wieder anfangen sollte, musste die gesamte Volksschule im Erdgeschoß und im ersten Stock des Schulgebäudes geräumt werden. Ein vollständiges Lazarett mit Doktoren, Krankenschwestern und Apparaten musste untergebracht werden. Das Lazarett war wegen der russischen Eroberungen vom Osten nach Lindenberg verlagert worden. Damals, am Kriegsende, befanden sich über 1000 verwundete Soldaten in den Lindenberger Lazaretten. Alle Volksschulklassen wurden in verschiedene Räume in der Stadt ausgelagert, wo ein begrenzter Unterricht stattfand.
Meine Volksschulklasse kam in den Gebetsraum der Neuapostolischen Kirche2. Dieser war damals im ersten Stock des Rückgebäudes der Kronenwirtschaft.
Für mich und für meine Schulkameraden der damaligen Oberschule ging der Unterricht im zweiten und dritten Stock des Schulgebäudes in einem fast friedensmäßigen Umfang weiter. Die Lehrer vollbrachten große Leistungen. Wenn wir zum Beginn des Unterrichts die Treppen hochgingen, sahen wir in den Gängen der Volksschule verwundete Soldaten in ihren Betten liegen.
Mit der Besetzung Lindenbergs durch die Franzosen am 30. April 1945 wurde der Schulbetrieb zunächst eingestellt.
Der Schulbetrieb meiner Volksschulklasse wurde erst im November 1945 wieder aufgenommen. Bis dahin waren die Lazaretträume im Volkschulgebäude aufgelöst worden. Dagegen hatte die Oberschule mit den ersten vier Jahrgängen und einem Teil der Volksschule schon ab dem 15.August 1945 wieder mit dem Unterricht begonnen.
Um Ostern 1946 kamen dann meine Kameraden aus meiner früheren Volksschulklasse aus der Schule. Damals waren die Lebensmittelrationen schlechter als während des Krieges. Um wenigstens genug zum Essen zu bekommen verdingten sich mehrere ehemalige Klassenkameraden bei Bauern: Hans Motscha bei Grünenbach, mindestens vier andere (Karl Burger, Helmut Hörburger, Konrad Greiter, Helmut Schütz) bei Bauern im Achbergischen oder in der dort benachbarten württembergischen Gegend. Sie erhielten normalerweise 20 Reichsmark im Monat und, was damals viel wichtiger war, genügend zum Essen. Teilweise besuchten sie die Landwirtschaftliche Berufsschule. Nach und nach kamen sie wieder nach Lindenberg zurück, die meisten weil sie in Lindenberg eine Lehrstelle fanden. Die am längsten bei Bauern blieben, waren dort etwa zwei Jahre. Man kann diese meine Klassenkameraden mit einigem Recht als die letzten der sog. „Schwabenkinder“ bezeichnen.
Viele meiner Volksschulkameraden erlernten Berufe, die sie später nicht mehr brauchen konnten, wie Schumacher oder Wagner. Später gingen viele von ihnen in die Hutfabriken. Bis zur Währungsreform war es nicht wichtig, wie viel man verdiente. Selbst wenn es wenig war, reichte es schnell, um die kargen Lebensmittelrationen zu bezahlen. Wichtig war nur, dass man eine Arbeit nachweisen konnte. Sonst bekam man keine Lebensmittelmarken. Später hat man dann schon darauf geschaut, wie viel man verdiente, vor allem wenn man heiraten wollte.
Objektiv gesehen ging es meinen Volksschulkameraden in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg materiell deutlich schlechter als heute. Das war jedoch subjektiv gesehen erträglich, weil viele andere nicht besser dastanden. Und die meisten haben sich die Freude am Leben nicht verderben lassen. Jedenfalls hatten die meisten eine Familie gegründet und ordentliche Kinder erzogen.