„Stadler, Rädler & Co., Käsehändler von Lindenberg in Ulm“

Der Amtsarzt Dr. Friedrich Kollmann des Landgerichtsbezirks Weiler schreibt 1860 in einem amtlichen Bericht: „Der Bezirk Weiler gehört zu den wohlhabendsten im ganzen Kreise. Der Holzreichtum, die Üppigkeit der Vegetation, die Züchtung eines weltberühmten Viehschlags, die Erzeugung von trefflicher Butter und vorzüglichem Käse sind Quellen des Wohlstandes. Durch Vieh- und Holzhandel, noch mehr durch Käsehandel ist mancher in kurzer Zeit zum Kapitalisten geworden. …“ Dr. Kollmann schrieb dies etwa 80 Jahre nach der Zeit, als hier der unternehmerische Käsehandel begann.

Der Gerichtsbezirk Weiler des neuen Königreichs Bayern wurde im November 1806 geschaffen. Dazu gehörte auch das Gebiet der ehemaligen vorarlbergischen Gerichte Altenburg und Kellhöf, und damit auch die Orte der Pfarrei Lindenberg. In Goßholz, einem dieser Orte, reicht die Geschichte des Käsehandels bis ins 18. Jahrhundert zurück. Hier stand die Wiege derjenigen, die den ersten schriftlich nachweisbaren, organisierten Käsefernhandel aus dem Allgäu gegründet haben. Im Stadtarchiv Lindenberg findet sich dazu ein handgeschriebener Speditionsfrachtbrief vom 22. November 1781 betreffend 7 Fass Käse signiert mit ARC
(Anton Rädler & Co) zur Weiterleitung an Frantz Xavery Stadler et Compagnie in Ulm.  
Franz Xaver Stadler und Anton Rädler, geboren und mit ihren Familien wohnhaft in Goßholz, waren beide Schwiegersöhne von Franz Anton Leber aus Lindenberg, einem vormaligen Teilhaber der ersten, 1755 schriftlich erwähnten Lindenberger Hutcompagnie. Franz Xaver Stadler betrieb das Handelsgeschäft in Ulm, während sein Compagnon Anton Rädler im Spätherbst von Goßholz aus den Käseeinkauf auf den Staufner Alpen betrieb. Von Staufen (heute: Oberstaufen) wurden die Käse fassweise nach Isny und von dort nach Lautrach an der Iller zum Weitertransport per Floß nach Ulm verfrachtet. Von Ulm aus stand dann der Schiffsweg Donau abwärts bis Passau und Wien offen. Auch waren das Hinterland von Ulm als Absatzgebiet, und die dort verlaufende Handelsstraße nach Nürnberg und zum Bodensee für den Handel günstig.  
In einem Ulmer Stadtführer (Adressbuch) aus dem Jahr 1812 erscheint der Eintrag
< Stadler, Rädler & Co., Käsehändler von Lindenberg in Ulm >.  Dass die Firma offensichtlich gute Geschäfte machte, zeigt sich darin, dass sie dort in Person von Philipp Stadler im Jahr 1818 das ehemalige Münzhaus der Stadt als Hauptniederlassung erworben hat. Das alte Münzhaus war ein repräsentativer dreistöckiger gotischer Flügelbau am Marktplatz, der schon ab 1505 den beiden Patriziern Anton Welser in Augsburg und Conrad Vöhlin in Memmingen als Repräsentanz für ihre Leinwandgesellschaft gedient hatte.  

Unter Philipp Peter Stadler, dem älteren Sohn von F.X. Stadler, geboren 1771 in Goßholz und verheiratet mit Anna Maria Wiedemann aus Goßholz, entwickelt sich die Firma bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus zur einflussreichsten Käsegroßhandlung im Allgäu. Wesentlichen Anteil daran hatte Auch sein jüngerer Bruder Josef Aurel Stadler, ebenfalls geboren in Goßholz, sesshaft in Staufen.  
Josef Aurel Stadler betrieb in Staufen bereits eine gutgehende Tuchhandlung und große Krämerei,  bevor er den Alpkäse-Einkauf für die Firma in Ulm übernahm. Er gilt als einer der Käse-Pioniere des Allgäus, weil er mehrere Sennen aus der Schweiz ins Allgäu gebracht hat, dabei insbesondere Johann Althaus aus  dem Berner Emmental. Die Schweizer Sennen sollten hier mit ihrer Erfahrung die Einführung der vergleichs-weise hochentwickelten Schweizer Fertigungstechnologie für Hart-Rundkäse („Emmentaler“) unterstützen.  Dies geschah einige Jahre bevor Carl Hirnbein die Brüder Grosjean aus Belgien ins Allgäu holte, um hier die Qualität und Herstellung von Weichkäse („Limburger“) zu verbessern.
Der geschichtsbewusste Milchwirtschaftliche Verein im Allgäu in Kempten ließ 1948 in Weiler eine Gedenktafel für J. Aurel Stadler anbringen: „In diesem Hause ließ Joseph Aurel Stadler (1778 – 1837) im Jahre 1821 die ersten Allgäuer Schweizer-Käse machen“. In Oberstaufen wurde 2007 unter dem Motto „180 Jahre Emmentaler im Allgäu“ dem gedacht, dass J. Aurel Stadler im Jahr 1827 den Emmentaler Senn Johann Althaus über Staufen ins Allgäu gebracht hat. Aus diesem Anlass wurde auch das Grabdenkmal von Aurel Stadler an der Außenwand der Friedhofskapelle aufwendig restauriert.  
Die Emmentaler-Käserei hat den epochalen Umbruch hin zum „grünen“ Allgäu mit seiner landschaftsprägenden Milchwirtschaft wesentlich mitbestimmt.  
Quelle: Carl Wachter in Geschichte der Allgäuer Milchwirtschaft, Kempten 1955
und Stadtarchive Lindenberg und Ulm