Die Gastwirtschaft zum Löwen

von Georg Grübel

 

Zum Gasthaus zum „Löwen“, Marktstraße 8, gehörte ein ansehnlicher landwirtschaftlicher Besitz. Ausweislich der Uraufnahme von 1771 umfasste das Gut des Michael Specht (1696 – 1771) beträchtliche 50 Tagwerk (ca. 17 ha).

Gasthof zum Löwen - um 1930 - Staudter Sammlung

Nach dessen Tod übernahm sein Sohn Johann Georg Specht die Gast- und Landwirtschaft. Er war als gelernter Maurer und Steinhauer der bekannte Barockbaumeister. Ihm folgte als Löwenwirt dessen Sohn aus dritter Ehe, Josef Anton Specht (1790 – 1874). Dieser übergab dann den „Löwen“ seinem Sohn Xaver Specht (1833 – 1895), der mit Magdalena König (1831 – 1896) verheiratet war.  Deren beider Sohn Josef Anton (1868 – 1898) war verheiratet mit Monika Baldauf, die in zweiter Ehe am 23.1.1899 den Bankier Theodor Sattler heiratete; ihr Mann, Josef Anton Specht, der Brauer und Löwenwirt, war am 1.1.1898 im Alter von nur 29 Jahren gestorben.

 

           Aus der Familie Specht von der Löwenwirtschaft gingen zwei bedeutende Männer hervor, die weit über Lindenberg hinaus bekannt wurden. Dies waren der o.g. Barockbaumeister Johann Georg Specht und dessen Enkel der Alpinist Joseph Anton Specht.

 

          Johann Georg Specht (20.12.1721 – 30.12.1803) erlernte das Maurer und Steinhauerhandwerk. Autobiographisch vermerkt er: Nach Beendigung der Lehrzeit kam für mich die frischfröhliche Zeit der Wanderschaft. Ich bin in deutschen und fremden Landen gewesen und habe dort als Palier oder Vorarbeiter viel gesehen und gelernt. Sein Lehrer als Baumeister war wesentlich wohl Peter Thumb, der bedeutendste Meister des Vorarlberger Barock (Wallfahrtskirche Birnau, Stiftskirche St. Gallen). Specht plante und baute im Allgäu und in Oberschwaben eine große Zahl von Bauwerken. Dazu zählen Wasserwerke, Brücken, Mühlen, Wohn- und Ökonomiegebäude sowie Schlösser und Kirchen. Sein Hauptwerk ist der Plan und die teilweise Ausführung der Klosterkirche Wiblingen bei Ulm.

In Lindenberg war der seit 1761 <Kais. Kgl. Oberamt Bregenzische Amts-Baumeister> Joh. Georg Specht ein Zeitgenosse von Pfarrer Joh. Joseph Wettach. Für die Aureliuskirche war er Stifter des rechten Seitenaltars; J.G. Specht war hier auch der Baumeister, der 1765 den rückwärtigen Teil der Kirche, nachdem dieser 1764 eingestürzt war, wieder aufgebaut und dabei um zwei Fensterreihen verlängert hat.

Ab 1750 betrieb der Baumeister Specht in Lindenberg auch das Torfstechen, um damit Brennmaterial zu gewinnen. Mit solchem Brennmaterial entstand 1803 die erste Ziegelei an der Ecke Sedanstraße / Martinstraße. Nach Johann Georg Specht wurde 1962 die <Baumeister-Specht-Straße> benannt.

 

         Joseph Anton Specht (29.2.1828 – 14.4.1894) begann 1845 eine Kaufmannslehre in Nürnberg und trat mit 21 Jahren in Wien in eine Exportfirma ein, die er als Teilhaber 1854 übernahm und unter dem Namen Luschka & Specht weiterführte. In der alpinistischen Literatur ist er bekannt als Erstbesteiger von Weißkugel und Similaun, Riffler, Parseierspitze, Patteriol, Piz Buin, Wildspitze u.a. 1869 war er Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins und bei der Erschließung der Ötztaler und Stubaier Alpen war er einer der wichtigsten Ostalpenpioniere seiner Zeit. Er starb 1894 in Wien.

 

          Auf ehemaligen Wiesen der Löwenwirtschaft findet sich heute das Stadtzentrum mit Rathaus, Stadtplatz und einem Teil der Stadtpfarrkirche: Der Bankier Theodor Sattler, verheiratet mit der Witwe des Löwenwirts, war als Gemeindebevollmächtigter und Mitglied des Stadt-Magistrats in der Gemeindepolitik sehr aktiv. Er schenkte am 30.11.1903 der Gemeinde den 840 qm großen Bauplatz für das künftige Rathaus auf den Wiesen der „Löwen“-Wirtschaft an der Sedanstraße. Dadurch wurde die Bildung des heutigen städtebaulichen Mittelpunkts in Lindenbergs eingeleitet, zusätzlich zum jahrhundertealten Mittelpunkt um die Aureliuskirche.

Von 1900 bis 1911 wurden durch Sattler etwa 25 Bauplätze  aus den Feldern der Löwenwirtschaft verkauft. Diese Verkäufe förderte er auch dadurch, dass er die spätere Goethe-, Prinz- Ludwig- und Weinstraße zunächst auf seine Kosten als Erschließungsstraßen anlegte, bis der Unterhalt dieser Straßen ab dem 29.1.1906 dann von der Gemeindekasse übernommen wurde.

Quelle: Hugo Bilger / Ludwig Scheller, Johann Georg Specht - Ein Allgäuer Barockbaumeister,1977, verfügbar in der Stadtbücherei.

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