Meilensteine der Hutgeschichte

Entnommen aus

Georg Grübel: Ein Auf und Ab der Westallgäuer Hutgeschichte, in: Georg Grübel, Klaus Gietinger, Manfred Röhrl: CHAPEAU - Das Westallgäu behütet die Welt, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg, ISBN 978-3-89870-875-3, 2015

1668 "Schatthüte" für die sommerliche Landarbeit

In einem Bregenzer Gerichtsprotokoll wird erstmals die Anfertigung von "Schatthüten" in Lindenberg erwähnt. Das waren wohl korbgeflechtartige bäuerliche Strohhüte.

1755 "Schihüte" nach italienischem Vorbild

In der ersten Erwähnung einer Lindenberger Hutcompagnie wird von "Schihüten" (irrtümlich "Scheinhüetten") gesprochen. Dies sind "geendelte" oder genähte Strohhüte aus geflochtenen
Strohbändern, wie sie in Italien gefertigt wurden und in Mode kamen.

1781 "Hut und Käse"

Zwei Schwiegersöhne eines früheren Huthändlers betreiben den ersten bekannten Käsefernhandel im Allgäu. "Hut und Käse", diese beiden Exportschlager begründen in den nächsten 200 Jahren
unternehmerischen Wohlstand in Lindenberg und Umgebung.

1803 Strohhüte sind Haupterwerbsquelle

Der für Lindenberg zuständige Altenburger Ammann gibt dem Oberamt Bregenz zu Protokoll:
" ... Weil im Gericht Altenburg die Verfertigung der Strohhüte beinahe die einzige Nahrungsquelle der dortigen Angehörigen sei, dergestalten, daß zwei Dritteile sich einzig von dieser Fabrikation ernähren und erhalten müssen; ... ",

1815 Mode beflügelt den Lindenberger Huthandel

Seit der Französischen Revolution (1789) und unter dem Einfluss Napoleons wird von Paris aus auch in Deutschland die Mode "demokratisiert". Dabei werden Strohhüte, insbesondere solche nach italienischer Art, zum festen Bestandteil der Sommer-Mode für die städtische Bevölkerung. Um an dieser Hutkonjunktur teil­zuhaben, agieren Lindenberger Handelscompagnien von städtenahen Niederlagen aus. So besitzt die Wagnerische Compagnie zu Lindenberg im Jahr 1815 Niederlagen (Außensteilen) in Babenhausen, Ober­günz­burg, Ulm, Heidenheim, Nördlingen, Biberach und Pfullendorf. Im Ganzen werden damals jährlich an die 56.000 Hüte verkauft.

1820 "Gebundene Hüte" statt Flecht-Hüte italienischer Art

Schweizerische "Röhrli-Hüte" aus Wohlen im Aargau avancieren zum internationalen Modehit. Hüte dieser Art, die aus ganzen Strohhalmen mit einem Baumwollfaden "gebunden" sind, bringen bis nach 1840 auch in Lindenberg guten Verdienst und werden von hier aus bis nach Nordamerika exportiert.

1822 Florentinerhüte herzustellen ist eine Herausforderung

In einem Bericht zum Oberdonaukreis heißt es:

"Im Landgericht Weiler werden um 50.000 Gulden Strohflechtwaren, besonders Hüte, erzeugt .
... Zu Lindenberg wo sich alles mit Strohflechten abgibt, wurden bereits Strohhüte gefertigt, weIche mit den Florentinern ohne Anstand konkurrieren können .... Es werden Hüte von 8-100 Gulden gearbeitet."

1830 In Qualitätswettbewerben erfolgreich

Lindenberger Hutmanufakturen beteiligen sich erfolgreich an Qualitätswettbewerben anlässlich verschie­dener Industrie-Ausstellungen in Augsburg. 1827 erhält eine Hutflechterin aus Lindenberg "hinsichtlich der Reinheit des Geflechts ihrer Florentinerhüte" die goldene Medaille. In den Jahren 1828-1830 gewinnt eine Lindenberger Strohhutmanufaktur den zwei Jahre dauernden Preiswettbewerb zur Fertigung von Floren­tinerhüten aus heimischen Geflechten. Dazu wird 1829 ein Hut eingereicht, der dann, mit einer Silberme­daille prämiert, von der bayerischen Königin Therese für 300 Gulden angekauft wird.

1844 „Drohdelschnüre“ zum Aufputz von Hüten

Sehr schmale Strohstreifen aus gespaltenem Stroh werden zu feinen Strohschnüren gedrillt und gezwirnt ("gedrohdelt"). Die große Nachfrage aus dem Schweizer Wohlen im Aargau schafft in Lindenberg und in Heimenkirch einen guten Verdienst für Jung und Alt. Ein oder mehrere Drohdelstühle stehen in fast jeder Wohnstube. Der Höhepunkt dieser Beschäftigungskonjunktur ist 1853. Die heimische Hutproduktion er­reicht in diesem Jahr einen Tiefpunkt, da "alle gedrohdelt" haben. Die Huthändler müssen gegebenenfalls aus anderen Hutzentren Ware zukaufen.

1853 Das Westallgäu erhält Anschluss an die Eisenbahn

Über den Bahnhof Röthenbach können jetzt Hüte auf der neueröffneten Eisenbahnhauptlinie Lindau - Nürnberg - Hof - Sachsen „in alle Welt“ versendet werden.

1864 Vom Markthandel zum Platzhandel, Beginn der Hutfabrikation auf Bestellung

Der 20-jährige Fabrikantensohn Aurel Huber geht als Erster mit einer Musterkollektion auf die Reise zu Grossisten in München, Ulm und Straßburg. Er erhält im Spätherbst für die Saison 1864/1865 Aufträge von 29 großen Kunden; die Ware ist im Januar, Februar und zu Ostern zu liefern. Die Produktion muss damit nicht mehr „blind“ auf Vorrat, sondern kann in Art und Menge nach Bestellung erfolgen.

1874 Errichtung einer Telegraphenstation

Produktion auf Bestellung erfordert einen kurzen Draht zum Kunden. Deshalb sind ein Telegraph und später das Telefon so wichtig. Zur kaufmännischen Abwicklung stellt die Firma <Huber> 1881 als Erste im Westall­gäu einen gelernten Kaufmann als Buchhalter ein.

1879 Das erste eigentliche Fabrikgebäude entsteht

Josef Fehr (1902-1908 Bürgermeister von Lindenberg) wird 1875-1898 Mitinhaber der Firma Huber, jetzt <Huber & Fehr>. Er stellt dieser Firma 1879 sein im Jahr 1870 erbautes Wohnhaus zur Einrichtung eines eigenständigen Fabrikgebäudes zur Verfügung und zieht mit seiner Familie ins Nebenhaus. Damit entsteht das erste von einem Wohnhaus völlig getrennte Betriebsgebäude in Lindenberg. Ab 1886 wird hier erstmals die Beheizung der Hutpressen und Ziehstände sowie der gesamten Betriebsräume durch eine Hochdruckdampfanlage besorgt. Strom erzeugt eine Dampfmaschine mit Elektrogenerator.

1880 Schnelle industrielle Entwicklung

Sind im Jahr 1880 im Westallgäu 13 hydraulische Pressen in Betrieb, so zählt man 20 Jahre später schon 134 Pressen, also zehnmal so viel. Im selben Zeitraum steigt die Zahl der Nähmaschinen um das Hundert­fache, nämlich von 15 auf 1.500. Entsprechend steigt die Gesamtproduktion von 450 Tausend Hüten im Jahr 1880 auf 4 Millionen Hüte im Jahr 1900.

1883 Neue Distriktstraße schafft sichere Fuhrverbindung zum Bahnhof

Der Hauptproduktionsort Lindenberg ist 10 km vom Bahnhof Röthenbach abgelegen. Jetzt erst kann das Transport-Nadelöhr, die bisher unbefestigte Dorfverbindungsstraße über Goßholz nach Riedhirsch, als ausgebaute Distriktstraße sicher befahren werden. 1885 ist das Frachtaufkommen schon so groß, dass es sich für eine auswärtige Speditionsfirma lohnt, einen Eisenbahn-Sammelladungsverkehr für Strohhüte ab Station Röthenbach einzurichten.

1900 95 Prozent der Strohgeflechte kommen aus China

Die Maschinisierung ermöglichte eine Massenproduktion. Das erfordert aber auch eine massenhafte Bereit­stellung des Rohmaterials, nämlich der Hutgeflechte. Vom Volumen her ist dies nur durch Importe aus Ost­asien zu bewerkstelligen. Die Lindenberger Agenturbüros <Aurel StenzeI> und <Heinrich Rasch> eröffnen dafür eigene Niederlassungen in Tsingtao ("Deutsch-China") und Tientsin.

1901 Direkter Bahnanschluss und ein eigenes Zollamt

Die Hauptproduktionsorte Lindenberg und Scheidegg erhalten jetzt mit einem Neben-„Bähnle" einen direkten Anschluss an die Eisenbahnhauptlinie. Die Einweihung am 1. Oktober ist ein „Jahrhundertfest". Gleichzeitig eröffnet am Bahnhof Lindenberg ein Zollamt für die Abwicklung der weltweiten Import-Exportgeschäfte der
Hut­industrie.

1901 Neue "Färberei und Bleicherei" als Vorzeigebetrieb

Die im Oktober 1899 von 6 Allgäuer Strohhutfabrikanten und 2 Geflechthändlern gegründete Genossen­schaft kann jetzt ihre neue Industrieanlage eröffnen. Es ist ein Vorzeigebetrieb, der nach neuesten Metho­den der noch jungen chemischen Verfahrenstechnik arbeitet; jedenfalls wird er 1907 auch stolz Seiner Kgl. Hoheit Prinz Ludwig von Bayern bei dessen Visitations-Besuch in Lindenberg vorgeführt. Dank dieser Anla­ge sowie der schon seit 1891 bestehenden Bleicherei der Firma Ottmar Reich ist das Westallgäu jetzt so­wohl vom Import englischer „Bleichware“ als auch von der Zwischenbearbeitung durch Dresdener Bleichereien und Färbereien unabhängig.

1909 Elektrifizierung der Heimarbeit

Die Firma Ottmar Reich gibt am 1.Oktober erstmals elektrisch angetriebene Nähmaschinen an Heimarbei­terinnen aus. Nach Gründung der <Allgäuer Elektrizitätsgesellschaft Lindenberg> (1907, heute VKW-AEGL) erfolgt eine allgemeine Elektrifizierung in Lindenberg und Umgebung. Ab 1909 bis heute wird Strom vom Wasserkraftwerk Andelsbuch geliefert, vorher vom Rädlerschen Dampfkraftwerk neben dem Lindenberger Rathaus. Elektromotoren steigern die Produktivität der Heimarbeiterinnen, elektrisches Licht erleichtert ihnen die Nachtarbeit.

1912 Lindenberg ist eine "Boom Town"

Seit 1880 hat sich die Einwohnerzahl auf jetzt etwa 4.500 mehr als verdoppelt, 14 von 26 Hutfabriken des Westallgäus arbeiten in Lindenberg und schaffen mit einem Produktionswert von über 8 Millionen Goldmark knapp 80 Prozent des Gesamtwerts im Westallgäu. Äußeres Zeichen der damaligen Prosperität ist heute noch die Stadtpfarrkirche, deren Neubau damals begonnen wird. Mit einem doppeltürmigen, wuchtigen Erscheinungsbild und 1.200 Sitzplätzen entsteht der "Dom des Westallgäus".

1914 Vom Dorf zur Stadt

Die Marktgemeinde Lindenberg, seit 1908 mit städtischer Verfassung und rechtskundigem Bürgermeister, wird vom Bayerischen König Ludwig III. am 11. August zur Stadt erhoben. Vorkämpfer sind die Hutfabri­kanten und Käsegroßhändler. Bereits vorher, am 14. Mai, feiert man die Einweihung der neuen Stadtpfarr­kirche. Zusammen mit dem 1907 eröffneten Rathaus ist jetzt abseits der früheren Ortsmitte, buchstäblich auf der grünen Wiese, ein neuer städtebaulicher Mittelpunkt entstanden. Dörfliches Zentrum war bis dahin die uralte Pfarrkirche (jetzt .Aureliuskirche") zusammen mit Friedhof, Schule, Marktplatz und der jahrhunderte­alten Wirtschaft „Zum Löwen“.

1914 Erster Weltkrieg, woher kommt jetzt das Rohmaterial?

Am 4. August 1914 beginnt mit dem Kriegseintritt Großbritanniens ein wirklicher "Welt"-Krieg. Noch im August beteiligt sich auch Japan als Englands Verbündeter am Krieg gegen Deutschland und erobert in China den deutschen Ausfuhrhafen Tsingtao. Die Westallgäuer Hutindustrie, völlig vom Import ostasiati­scher Geflechte aus Japan und China abhängig, fragt besorgt: Woher kommt jetzt das Rohmaterial? Man befürchtet mangels Nachschubs an Rohmaterial bald den völligen Stillstand. Dass es nicht soweit kommt, ist den Geflechthändlern in Wohlen in der neutralen Schweiz zu verdanken: Sie arrangieren mit englischen Importeuren eine Möglichkeit, ostasiatische Geflechte gegen Devisen ins Allgäu zu liefern, allerdings nur in England gebleichte Ware und mit deutlich erhöhten Gewinnspannen. Dass nur bereits gebleichte Ware eingeführt werden darf, bringt für die große Lindenberger Bleicherei einen fast totalen Auftragseinbruch, der notdürftig mit Aufträgen als Militärwäscherei überbrückt werden kann. Ansonsten übersteht die Westallgäu­er Hutindustrie damit den Ersten Weltkrieg glimpflich. Für den Wohlener Geflechthandel geht 1917/1918 als das beste Geschäftsjahr in die Geschichte ein, sagt man.

1918    8-Stunden-Arbeitstag ohne Revolution

Der Krieg ist für Deutschland verloren. Am 9. November 1918 wird die Republik ausgerufen. Kaiser Wilhelm II. flieht in die Niederlande. Überall macht sich die Revolution breit, nicht aber in Lindenberg. Hier haben die Hutindustriellen dem "Ultimatum" von Bürgermeister Hans Alois Schmitt zur Verkürzung der Arbeitszeit auf 8 Stunden sofort zugestimmt, um damit einer möglichen revolutionären Hauptforderung aus der Arbeiterschaft die Spitze zu nehmen.

1921 „Pedaline" und maschinengeflochtene Hutlitzen

Der Markt für handgeflochtene europäische Strohhutlitzen war durch die massenhaften Billig-Importe aus Ostasien schon vor 1900 unrettbar zusammengebrochen. Darunter leidet speziell auch Wohlen im schweize­rischen Aargau. Dort versucht man deshalb, das Strohflechten durch Maschinen zu automatisieren. Da Natur­stroh für das Maschinenflechten zu steif ist, muss nach geeignetem Strohersatz gesucht werden. 1921 kommt aus Wohlen „Pedaline“ auf den Markt. Dies ist halbsynthetisches „Kunststroh“ auf Viskosebasis. Maschinengeflochtene Hut-Litzen aus Pedaline werden für genähte Hüte das meistgenutzte Rohmaterial der Zwischenkriegszeit, auch in Lindenberg. Mit halbsynthetischem und später rein synthetischem Rohmaterial (Chemiefasern) ist die Hutindustrie jetzt in ihrer Massenproduktion nicht mehr von Geflechtimporten aus China und Japan abhängig.

1924 Strukturkrise mit "Matelot"-Herren- Strohhüten

Nach der Hyperinflation in Deutschland 1923 gerät die Westallgäuer Strohhutindustrie bis 1926, zusätzlich zur Finanz- und Wirtschaftskrise, in eine tiefe Strukturkrise. Der „wilhelminisch-steife“, weiße Herren-Stroh­hut mit horizontaler Krempe, die sog. „Kreissäge“, entspricht in Deutschland nicht mehr dem Zeitgeist und sinkt im Absatz auf dem Inlandsmarkt bis auf 1/10 der Verkaufszahlen in der Vorkriegszeit. Die Inlands-Krise zeichnet sich bereits 1921 ab. Deshalb gründen damals die drei Großbetriebe Reich, Milz und Huber eine gemeinsame Unternehmung, die "Algovia". Man will mit einer Hutfertigung in Brasilien nahe zum süd- und nordamerikanischen Markt präsent sein, dort wo der Matelot-Herrenstrohhut zu dieser Zeit noch groß in Mode ist.

1926 Das "brasilianische Abenteuer" wird abgebrochen

Mit Fachpersonal aus Lindenberg beginnt die Algovia 1924 ihre Strohhutproduktion bei Rio de Janeiro. Bereits im Jahr 1926 wird das Unternehmen verkauft. Grund sind finanzielle Probleme der Algovia-Gesell­schafter bei der weiteren Finanzierung. Die Herren-Strohhutkrise spitzt sich weiter zu.

1927 Umstellung auf Damenstroh- und Filzhüte

Jetzt dämmert es allen, dass das heimische Herrenhutdesaster eine Strukturkrise ist, und nicht allein eine Wirtschaftskrise war. Die bisher mit der Massenproduktion von Herrenstrohhüten groß gewordene Westall­gäuer Hutindustrie beginnt mit der strukturellen Umstellung auf die Massenproduktion von Damenstrohhüten und mit ersten Gehversuchen in der Produktion von Damen-Filzhüten. Beides ist wegen der völlig unter­schiedlichen Marktzugänge und der schnellen Modewechsel beim Damenhut mental und organisatorisch nicht leicht, aber es bedeutet den Anfang vom wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Die Arbeitslosigkeit in der Hutindustrie erreicht 1927 einen Höchststand, wohl auch mitbedingt durch die betrieblichen Umstellungs­prozesse. Den Einstieg in die Filzhutproduktion betreibt insbesondere Ottmar Ritter von Reich, der damalige Leitende Geschäftsführer des Familienunternehmens Ottmar Reich. Er ist dort Firmenchef in dritter Generation.

1927 Jetzt mehr Fabrikarbeiter als Heimarbeiter

Die innerbetriebliche Umstellung auf die Fertigung von Damenhüten erfordert wegen der Vielzahl der For­men und der schnellen modischen Formenwechsel eine Einschränkung der Heimarbeit und eine Auswei­tung der Fabrikarbeit. Ab 1927 und in allen Jahren danach werden weniger Heimarbeiterinnen beschäftigt als Arbeiter und Arbeiterinnen in der Fabrik. In den 50 Jahren zuvor, also seit dem Beginn der Industrialisie­rung in Lindenberg, verhielt es sich genau umgekehrt. Auch der Schwerpunkt der Heimarbeit wechselt jetzt, nämlich vom Hutnähen zum Hutgarnieren.

1930  13 von 26 Hutfabriken sind zusammengebrochen

Mit der Finanz-, Wirtschafts- und Strohhut- Strukturkrise kommt es zu einer existenzgefährdenden Überpro­duktion; 13 von 26 Westallgäuer Hutfabriken überleben dies nicht, jedenfalls nicht eigenständig. Das gilt auch für die älteste Hutfabrik <Josef Milz & Co.>, gegründet 1833. Die Firma muss 1929 von Anton Seidl, Hutfabrikant aus München, gerettet werden und firmiert fortan als <Mayser, Milz & Cie>,

1931 Rekordproduktion bei der Firma Ottmar Reich

Die große Gewinnerin der Krise ist die Firma Ottmar Reich. Mit Übernahmen und „Liierungen“ wird sie zu der mit Abstand größten Hutfabrik. Im April 1931 können die vier Familiengesellschafter stolz einen „Weltre­kord“ vermelden: ,,59.107 Stück Sommerhüte wurden in der Woche vom 20. - 26. April, also in 5 ½ Arbeitstagen, in unserem Werke fertiggestellt. Wohl noch in keiner Strohhutfabrik der Welt wurde je eine annähernde Produktions­zahl erreicht ....“

Die Umstellung auf Damen-Strohhüte ist also gelungen, und ab 1930 ist auch die Massenherstellung von modi­schen Damen-Filzhüten marktrelevant geworden. Filzhüte sind nicht, wie Sommerhüte aus Stroh, ein reines Saisongeschäft, sondern ermöglichen eine ganzjährige Beschäftigung und Auslastung der Produktionseinrichtun­gen. Das Hutgeschäft ist damit „robuster“.

1933 NS-Machtübernahme in der Hutindustrie

Im Mai 1933 übernimmt die Deutsche ArbeitsFront (DAF) in den Fabriken das Kommando und beginnt das „NS-Führerprinzip" durchzusetzen. Betriebsleiter und Belegschaften sind jetzt „Betriebsführer" und „Gefolgschaften“. Alle Gewerkschaften sind aufgelöst, Arbeitervereine verboten. Im Oktober werden unter ihrem Führer Ottmar Ritter von Reich die bisherigen 6 regionalen Einzel-Verbände zu einer gemeinsamen. Reichsfachgruppe der Deut­schen Damenhutindustrie e. V. Sitz Berlin" zusammengeschlossen. Das Ziel ist, gemeinsam das „Preisdiktat“ der „verjudeten Grossisten“ zu brechen. Otto Jung, der Lindenberger NS-Ortsgruppenleiter (1932-1933), wird Gauwirt­schaftsberater. Ab Oktober beginnt für ihn in Berlin eine formidable Parteikarriere; im Frühjahr 1942 wird er dort Reichs-„Wehrwirtschaftsführer Bekleidung“. Er ist „unser Mann in Berlin“, der 1938 für die Firma Ottmar Reich wohl auch die NS-Türen geöffnet hat, um in Wien die arisierte Hutfabrik <Brüder Böhm> als Zweigwerk zu erwerben.

1939 Im Zweiten Weltkrieg: Die Hutindustrie behauptet sich

Der Zweite Weltkrieg beginnt am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen und Hitlers Worten "Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen". Zur Entwicklung der Westallgäuer Hutindustrie schreibt der Lindenberger Fabrikantensohn Egon Huber in seiner Dissertation 1943: "In diesem Weltkriege wurde die laufende Produktion trotz zahlreicher Einberufungen und Rohstoffschwierigkeiten, die aber dank der starken Verwendung deutscher Rohstoffe [gemeint sind wohl Barmer Hutlitzen aus Chemiefasern] geringer sind als im ersten Weltkriege, weitergeführt. Naturgemäß mussten auch zu Gunsten vordringlicher, kriegswichtiger Rüstungsaufgaben Auskämmungen vorgenommen werden. Die Westallgäuer Hutindustrie ist jedoch auch wehrwirtschaftlich von Bedeutung, da sie Tropenhelme, Gasplanentaschen und Wehrmacht-Winterbeklei­dung herstellt." Von 1944 bis Kriegsende produzieren auch ausgelagerte Rüstungsbetriebe in Gebäuden und Anlagen der Hutindustrie.

1945 Bayerisch, aber unter französischer Besatzung

Nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches im Mai 1945 wird ganz Bayern durch die US Army besetzt. Eine Ausnahme bildet der bayerische Landkreis Lindau, der als Korridor zwischen Würt­temberg und Vorarlberg Teil der französischen Besatzungszone wird. Der Landkreis bekommt damit über 10 Jahre lang eine staatsrechtliche Sonderstellung. Mit Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 besitzt der Landkreis de facto den Status eines deutschen Bundeslandes; ein Zustand, der bis September 1955 währt. Die kurzen Wege zum „Landesfürsten“, dem Kreispräsidenten, erweisen sich für die Hutindustrie zuweilen als vorteilhaft.

1946 Industrielle Torf-Aktion bringt Hutproduktion in Gang

Die Westallgäuer Hutfabriken überstehen den Krieg ohne Zerstörungen. Gleichwohl liegt 1945 in den Fabri­ken fast alles still. Größte Schwierigkeiten bei der Wiederaufnahme der Produktion bereitet die Kohlen­knappheit. Um das Energieproblem zu mildern, produzieren die Hutfabriken in Westallgäuer Hochmooren Torfbriketts. Das ist nicht neu: Schon der Lindenberger Barockbaumeister Johann Georg Specht (1721-1803) hat mit Torf seinen ungläubigen Mitbürgern gezeigt, dass "man mit Dreck heizen kann".

1947 Koordination der Materialzuweisungen, Fabrikanten gründen neuen Hutverband

Zum grenzüberschreitenden Personen- und Warenverkehr zwischen den Besatzungszonen braucht man noch ein „Permit“. Rohstoffe und Betriebsmittel sind durch die Besatzungsmacht bewirtschaftet (rationiert), die Zuteilung erfolgt über die Lan­desstelle für Textilwirtschaft in Reutlingen. Um die Zuteilungsanträge zu koordinieren, gründen die jetzt 16 Lindenberger Hutfabrikanten den Fachverband der Hutindustrie e.v. Lindenberg im Allgäu als gemeinsame Vertretung. Leiter wird Dr. Helmut Göller. Er ist bereits Syndikus der im Oktober 1934 gegründeten Reichs­fachgruppe Herrenstrohhüte im Reichsverband der Deutschen Bekleidungsindustrie eV Sitz Lindenberg gewesen.

1948 D-Mark ist Signal zum Aufschwung

Die Einführung der D-Mark mit festem Wechselkurs zum US-Dollar als weltweiter Leitwährung wird in den drei Westzonen zum Signal für wirtschaftlichen Aufbruch und führt mitbegründend zum "Deutschen Wirt­schaftwunder" , befördert aber zunächst die faktische West-Ost Teilung in Deutschland: Am 19. März 1949 wird die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet, am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutsch­land (BRD). Mit der Teilung Deutschlands fallen die vormals größten deutschen Hutzentren Dresden (Stroh) und Guben (Filz) als Konkurrenten für die Westallgäuer Hutindustrie weg.

1949 Jetzt auch Filz-Rohproduktion

Nach der Einführung der D-Mark investieren Hutfabriken in Lindenberg baulich stark in die Filzhutproduktion, insbesondere in die Filz-Rohfabrikation. Die Firma Mayser-Milz beginnt bereits 1946/1947, mit den aus dem Mayser-Werk in Ulm 1945 ausgelagerten Anlagen in Lindenberg eine Filz-Rohproduktion aufzubauen; dazu entsteht 1948/1949 eine 150 Meter lange WerkhaIle zur Filzstumpen-Produktion. Auch die Firma Aurel Huber baut ab 1947/1948 eine eigene Filzstumpen-Produktion auf. Sie stützt sich dabei auf angeworbene Fachkräf­te, die 1945 aus der alten Hutmacherstadt Neutitschein im Sudetenland vertrieben worden sind. Auf dem Firmengelände Huber geht unter deren Leitung 1948/1949 eine moderne Filz-Stumpenfertigung mit zu­gehöriger Färberei und einem neuen Kesselhaus mit dem höchsten Fabrikkamin in Lindenberg in Betrieb.

1950 Früher in Dresden jetzt in Lindenberg
Die erste deutsche Strohhut-Frühjahrsmesse für Grossisten nach der Teilung Deutschlands wird am 3. und 4. Januar 1950 in Lindenberg veranstaltet. Diese Mustermesse hat vorher traditionell in Dresden stattgefun­den, dem von Anfang an größten Strohhutzentrum Deutschlands.

1951 "Gemeinschaftswerbung Herrenhut": Sitz in Lindenberg

Die deutsche Hutwirtschaft mit Vorlieferanten, Industrie, Großhandel und Einzelhandel, gründet 1951 die Gesellschaft „Gemeinschaftswerbung Herrenhut“ . Die Kosten dafür finanzieren alle gemeinsam durch einen sogenannten „Hutpfennig“. Die Gesellschaft nimmt ihren Sitz beim Fachverband der Hutindustrie e. V. in Lindenberg. Agiler Impulsgeber ist Dr. Egon Huber, Geschäftsführer der Sparte „Herrenhut“ in der Firma Ottmar Reich. Bekanntester Slogan: „Übrigens ... man geht nicht mehr ohne Hut“.

1956 Mit Filz und Stroh das deutsche Hutzentrum

Mitte der 1950er-Jahre sind in der gesamten Hutindustrie des Bundesgebiets rund 9.000 Arbeitskräfte beschäftigt, davon über 2.500 in den 14 Industriebetrieben des Westallgäus. „Wohl an keinem Platz der Bundesrepublik lässt sich eine solch starke Konzentration von Hutfabrikationsbetrieben feststellen wie in Lindenberg im Allgäu.“

1958 Sommerhüte aus Dralon®

Eine petrochemische Wunderfaser aus Polyacryl ist das wollähnliche Dralon®, das die Bayer AG 1954 auf den Markt bringt. Von seinen Eigenschaften her ist dies der ideale Rohstoff für Sommerhüte. Die Firmen Ottmar Reich und Mayser-Milz entwickeln damit gemeinsam ein thermoplastisches Hut-Produktionsverfahren aus flachen Dralongeweben. Zu „Stroh“-Geflechten aller Art gesellen sich Dralon-Gewebe als neuartiges Rohmaterial. Man spricht jetzt nicht mehr von „Strohhut“-Industrie, sondern allgemeiner von „Sommerhut“-Industrie.

1960 Produktivitätssteigerungen und Kurzarbeit

Die Produktivitätssteigerungen durch Rationalisierung und der Produktionswert nehmen stetig zu. Der Pro­duktionswert von 1962 mit über 51,5 Millionen DM liegt um 172 Prozent höher als der im Jahr 1950. Aber die Mode- und wetterwendische Hutindustrie erlebt auch immer wieder ihr Auf und Ab. Im "verregneten" Jahr 1958 kommt es zu einer Absatzkrise. Um Entlassungen zu vermeiden, beantragen Arbeitgeber und Gewerk­schaft gemeinsam insgesamt 39 Wochen Kurzarbeit.

1965 Die herrenhutlose Mode zeigt Wirkung
Der jugendliche, freizeitbetonte Stil, wie ihn Präsident Kennedy als "The New American Look" vorgelebt hat­te, führt bei den Männern wieder zur "hutlosen Unart". Nicht nur die USA, sondern auch Deutschland ist da­mit auf dem Weg, "schleichend hutlos" zu werden. Die Werbung für den Herrenhut als "Statussymbol" läuft ins Leere. Die Nachfrage nimmt in den folgenden Jahren unaufhaltsam ab.

1975 ,,300 Jahre Hüte aus dem Westallgäu"
Unter diesem Motto veranstaltet die Westallgäuer Hutindustrie im November 1975 eine Jubiläumsausstel­lung in Lindenberg. Zu diesem Zeitpunkt gibt es aber nur noch 7 von vordem 14 Hutfabriken. Die anderen 7 haben ihren Betrieb bis 1975 bereits eingestellt.

1976 Der höchste Fabrikkamin wird gesprengt

In der Stadtmitte von Lindenberg wird der höchste Fabrikkamin gesprengt, die Traditions-Hutfabrik Aurel Huber (gegründet 1835) wird abgebrochen. Alle können jetzt sehen, dass es mit der einst glorreichen Hut­industrie wohl zu Ende geht. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände entsteht eine Eigentumswohnanlage mit einem Supermarkt. Im Jahr 1980 muss auch das gegenüberliegende Gebäude der ehemaligen Hutfabrik Gebr. Wiedemann (gegründet 1885) weichen; hier baut man zunächst Parkplätze und 1995 das Einkaufs­zentrum „Lindenberg Passage“. Lindenberg verliert den Charakter einer Fabrikstadt und versucht sich zur Einkaufsstadt zu wandeln. Im April 1986 wird schließlich das Firmengebäude der Traditionsfirma Severin Keller (gegründet 1882) beseitigt; die Firma hat bereits Ende 1978 ihren Betrieb eingestellt. Damit ver­schwindet eine weitere Hutfabrik von der Bildfläche.

1980 Hutindustrie nicht mehr Hauptarbeitgeber

Seit 1960 hat sich die heutige Firma Liebherr-Aerospace-Lindenberg aus kleinsten Anfängen heraus zum größten Arbeitgeber in Lindenberg und im Landkreis entwickelt (2014: 2.100 Beschäftigte). Viele der anfäng­lichen Mitarbeiter kommen aus der langsam niedergehenden Hutindustrie. Sie können sich hier neu qualifi­zieren und helfen mit, dass Lindenberg zu einem Standort der Hochtechnologie im Flugzeugbau geworden ist.

1997 Ende der größten Hutfabrik

Am 1. September 1997 wird über die Hutfabrik Ottmar Reich (gegründet 1838) das Konkursverfahren eröff­net. Das Unternehmen war einst mit Abstand der größte Arbeitgeber in Lindenberg und im ganzen Land­kreis Lindau. Eine Woche später meldet die Tagespresse: "Firma Reich schließt zum Jahresende - 80 Beschäftigte betroffen". Und am 23. Oktober heißt es: „Mayser kommt bei Firma Reich zum Zug - Vorerst acht bis zehn Arbeitsplätze bleiben erhalten.“

1998 Mayser ist die letzte Hutfabrik in Lindenberg

Die Hutfabrik Mayser GmbH & Co. KG (seit 1992 ohne den Namenszusatz "Milz") ist jetzt der letzte Betrieb der in Lindenberg Hüte herstellt. Im Jahr 2004 werden bei Mayser noch etwa 80 Personen in der Hutferti­gung beschäftigt. Verglichen mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, sind von 30 Arbeitsplätzen 29 weggefal­len.

2010 Ende der Hutproduktion in lindenberg

Im Jahr 2002 gründet Mayser in Roznava (Slowakei) ein Zweigwerk zur Hutproduktion. Im Werk Linden­berg werden die Sparten Schaumstofftechnik, Verformungstechnik und Sicherheitstechnik ausgebaut, teils basierend auf der angestammten Kompetenz in der textilen Verformung (Hut). 2007 erbringt hier die Sparte „Kopfbedeckungen“ nur noch etwa 15 Prozent des Umsatzes. 2010 stellt Mayser die Hutproduktion in Lindenberg ein. Lindenberg ist keine produktionsaktive Hutstadt mehr.

2014 Seeberger & Co. besteht im Westallgäu seit 1890 bis heute

Die letzte Hutfabrik im Westallgäu (2014) ist die Firma Seeberger & Co. in Weiler im Allgäu. Sie ist der letzte Industriebetrieb, der die Hutfabrikation noch als Kerngeschäft betreibt. Und das mit Erfolg seit 1890.